EIN WORT AN LEITER:
Die heimliche Not

Pornosucht: Immer noch ein Tabu-Thema

Über Pornosucht wird in christlichen Kreisen nur wenig geredet. Obwohl Berichte und Zahlen eine deutliche Sprache sprechen, tun sich viele Kirchen und Gemeinden immer noch schwer damit.

Natürlich sind Liebe, Sex und Erotik auch für Christen ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Trotzdem wird dem Thema in den meisten Gemeinden nur wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Doch wir leben heute in einer extrem sexualisierten Gesellschaft und auch die Gemeinde Jesu ist immer noch in der Welt und bleibt deshalb davon nicht automatisch unberührt.

Die Freizügigkeit, mit der in unserer modernen oder auch postmodernen Gesellschaft die menschliche Sexualität vermarktet wird, kennt keine Grenzen mehr. Selbst in der Werbung für die profansten Dinge, wird heute oft Sex und Erotik eingesetzt, um die Kauflaune der Kunden anzuheizen. Auf fast allen Kanälen wird uns vermittelt, wie frei und selbstbestimmt wir heute sind, dass gut ist, was gefällt und alles nur ein Spiel ist. Ein Spießer, wer hier anderes denkt.

Schleichende Gewöhnung

Besonders die Medien haben diese Entwicklung in den letzten Jahrzehnten stark vorangetrieben. Dabei geht es jedoch längst nicht mehr um bloße Berichterstattung. Grenzüberschreitungen und Tabubrüche werden von den Medienmachern der Unterhaltungsindustrie häufig selbst inszeniert. Was hier als “in” oder “out” als “cool” oder “uncool” dargestellt wird, hat auch stets eine Tendenz zur öffentlichen Meinungsbildung oder führt zumindest zu Gewöhnungseffekten, die den Konsumenten immer unempfindlicher für vormals “Verbotenes” machen.

Ermutigt durch eine immer liberaler werdende Politik und die damit einhergehende Auflösung von Werten (die vielfach als rückschrittlich und veraltet angesehen werden), ist inzwischen gang und gäbe, was noch vor zwanzig oder dreißig Jahren undenkbar gewesen wäre.

Doch geht es hier wirklich nur um einen Genuss ohne Reue? Ist diese Art von Freizügigkeit tatsächlich gleichbedeutend mit Freiheit und gewonnener Lebensqualität, wie uns die Sexindustrie und manche politische Strömungen glauben machen wollen?

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Der leichte Zugang zu jeder Art sexuellen und pornografischen Materials in Wort und Bild hat ganz offensichtlich auch seine Schattenseiten.

Besonders die scheinbare Anonymität des Wold Wide Web hat auf dem Gebiet der Sexualität in den vergangenen Jahren eine bedrohliche Subkultur erzeugt. Immer mehr Männer und zunehmend auch Frauen geraten in den Sog der Bilder, die auf viele eine buchstäblich unwiderstehliche Faszination ausüben. Doch die Folgen für die Betroffenen – und häufig auch für ihr Umfeld – sind gravierend.

Eine Versuchung auch für Gläubige

Viele kommen so zum Glauben. Durch das neue Leben in Christus werden die alten Neigungen zurückgedrängt, der Gläubige freut sich an Gott und genießt, was ihm jetzt geschenkt ist. Doch nach einer Weile tauchen die alten Bilder oft wieder auf und die Gefahr, in den ursprünglichen Kreislauf zurückzufallen, ist groß.

Christen, die mit den Bildern spielen, geraten ebenso leicht in Abhängigkeit wie jeder andere, der leichtfertig den Umgang mit suchterzeugenden Mitteln pflegt. Ist die Freiheit erst einmal verloren, wird damit auch das Glaubensleben und die Freude an Gott zunehmend belastet und getrübt. Der Glaube wird schwach und kraftlos, selbst wenn die Fassade nach außen weiter aufrecht erhalten wird.

Und natürlich berührt dies auch die Gemeinde. Die Gemeinschaft der Gläubigen und die Begegnung mit Gott in der gemeinsamen Anbetung können sich oft nicht mehr frei entfalten, denn „wo ein Glied leidet, leiden alle anderen mit.“ Auch der geistliche Schaden ist also erheblich.

Dennoch tun sich die meisten Kirchen und Gemeinden hier immer noch schwer.

Das Thema Sex- oder Porno-Sucht gilt bei uns nach wie vor als Tabu und wird in vielen christlichen Kreisen als Verschlusssache behandelt, an die man besser nicht rührt.

Doch unter dem Mantel des Schweigens wächst das Geschwür munter weiter und mit ihm die Verzweiflung der Betroffenen. Die Scham ist zu groß und die Angst vor Ablehnung hält viele zurück, sich jemanden anzuvertrauen und Hilfe zu suchen.

Niemand muss gefangen bleiben

Wenn wir als Gemeinden diese verhängnisvolle Entwicklung stoppen wollen, dürfen wir keine Angst davor haben, das Thema aus der Tabuzone holen und die Dinge beim Namen zu nennen. Deshalb möchten wir einen Raum schaffen, wo dies möglich ist, wo Betroffene sich “outen” können ohne Angst haben zu müssen, damit endgültig im Abseits zu landen.

Gemeinde muss auch hier ein Ort werden, wo Sünder ” – auch die frommen – wieder von ihren Sünden gerettet werden und Vergebung und Annahme finden, ein befreiter Lebensstil eingeübt werden kann und niemand mit seiner Not allein bleibt.

Gemeinsam schaffen wir es

Unser Anliegen ist es unter anderem, ein seelsorgerliches Netzwerk zu bilden, wo wir uns in diesem Prozess auch als Gemeinden und Verantwortliche miteinander verbinden und uns gegenseitig helfen und unterstützen können.

Wir möchten vor allem Pastoren und Seelsorger, Hauskreisleiter und geistliche Leiter aller Verantwortungsbereiche ermutigen, sich der heimlichen Not in ihren Gemeinden zu stellen und aus Liebe zu Gott und den uns anvertrauten Menschen den Teufelkreis der geheimen Lust zu durchbrechen und die Türen des Gefängnisses zu öffnen.

Auch wer selbst betroffen ist sollte nicht länger zögern, die ersten Schritte zu tun, um Hilfe zu bekommen. Dies mag schwierig oder gar unmöglich erscheinen, doch wer erst einmal den Entschluss gefasst hat, nicht weiter in der Anonymität der Sünde zu bleiben, dem kann auch geholfen werden. Es gibt einen Ausweg und ein neuer Anfang ist möglich.

Tony Kerkel
Brothaus Rosenheim